Wie viel Kunst steckt in künstlicher Intelligenz?

| 20.01.2017

Zur Demonstration seiner Leistungsfähigkeit duellierte sich 2011 der IBM-Computer Watson in der amerikanischen Quizsendung „Jeopardy!“ mit zwei Kandidaten aus Fleisch und Blut und besiegte sie haushoch. Das von Google DeepMind entwickelte Computerprogramm AlphaGo* konnte letztes Jahr die besten Spieler der Welt im Brettspiel Go schlagen und im Jänner ersetzte eine japanische Versicherung mehr als 30 MitarbeiterInnen durch künstliche Intelligenz. Clever sind sie, keine Frage, aber sind diese Supercomputer auch kreativ?

Malerischer Algorithmus

Seit dem Vorjahr können Smartphone-BesitzerInnen ihre Schnappschüsse in kleine Kunstwerke verwandeln. Die Smartphone-App Prisma lässt alltägliche Fotos zu Picassos, Kandinskys oder Wassilys werden. Für diese Effekte ist ordentlich Rechenpower nötig und die Technik dahinter besteht aus sogenannten Artistic-Style-Transfer-Algorithmen. So ähnlich wie Fotofilter, aber mit einer großen Portion künstlicher Intelligenz (KI). Zur Übertragung in den gewünschten Kunststil werden „neuronale Netze“ darauf trainiert, Objekte bzw. Bildinformationen zu verstehen. Neuronale Netzwerke simulieren das menschliche Gehirn und lernen selbstständig. In diesem Zusammenhang spricht man auch von „Deep Learning“.

„Deep Learning ist ein Teilbereich des Machine Learning, nicht zuletzt inspiriert von der Funktionsweise des Gehirns, basierend auf neuronale Netze, mit dem Ziel, aus vorhandenen Informationen zu lernen und das Erlernte mit neuen Inhalten zu verknüpfen, um daraus erneut zu lernen, bis die Maschine schließlich, darauf basierend, Prognosen und Entscheidungen treffen kann. Diese Entscheidungen werden kontinuierlich hinterfragt, daraufhin bestätigt oder geändert. Dies alles passiert ohne das Zutun von Menschen oder fest definierte Regeln.“ (Nico Strelow, Kevin Branscheidt, Tim Oliver Theelen, Erion Cekrezi)

Künstliche Verse

Ebenso gehört Poesie zum Repertoire der Maschinen. In einigen Google-Forschungsgruppen wurde die KI mit Literatur gefüttert, damit künstliche neuronale Netzwerke besser lernen, wie ein Mensch zu kommunizieren, um natürliche Sprachstrukturen zu verstehen und diese selbst zu reproduzieren. Zufällig entstanden auf diese Weise kryptische und traurige Gedichte wie dieses:

he said.
“no,” he said.
“no,” i said.
“i know,” she said.
“thank you,” she said.
“come with me,” she said.
“talk to me,” she said.
“don’t worry about it,” she said.

Zugegeben, dieses Beispiel ist ein Randprodukt der Wissenschaft, doch es gibt bereits KIs, die speziell dafür entwickelt werden, Lyrik von Maschinen von menschlicher Dichtung ununterscheidbar zu machen. 2011 wählte ein studentisches Literaturmagazin ein Gedicht zur Veröffentlichung aus, bei dem sich erst später herausstellte, dass es von einem Computerprogramm verfasst wurde. Andere EntwicklerInnen arbeiten mit Feuereifer daran, von KI ganze Romane verfassen zu lassen.

„Wenn Watson den ersten selbst erfundenen Witz erzählt, über den ich Tränen lachen muss, erst dann mache ich mir Sorgen.“ (Stephan Vogel, Kreativchef bei Ogilvy & Mather Deutschland)

Musik und Filme aus dem Rechenzentrum

Auch in der Filmbranche durfte künstliche Intelligenz schon mitmischen. Der Trailer zum Science-Fiction-Thriller „Das Morgan Project“, der die Gefahr, die von synthetischem Leben ausgeht, zum Thema hat, stammt ausgerechnet vom Supercomputer Watson.

Im Rahmen des Projekts Magenta lernt das künstliche System wiederum, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und eigene Schöpfungen hervorzubringen. Das Resultat ist ein Musikstück. Das Projekt basiert auf einem maschinellen Open-Source-Lernsystem von Google Brain und hat zukünftig eine aktive Community aus KünstlerInnen, ProgrammiererInnen und ForscherInnen zum Ziel. Die Software soll Menschen nicht überflüssig machen, sondern Musikbegeisterten neue Werkzeuge bieten.

Alles ganz schön künstlich, aber vielleicht ist es schon in ein paar Jahren möglich, gemeinsam mit der künstlichen Intelligenz über die von ihr geschaffene Kunst zu diskutieren.

 

* auch Master(P) beziehungsweise Magister(P)

 

Quellen und weiterführende Literatur:

Schwarz, Nicolai: Kreative Intelligenz. In: Screenguide Magazin, 2017, Heft 01-03, S. 36-41.

Ein neuronales Netzwerk lässt Filmklassiker wie die Werke bekannter Maler aussehen:
https://www.wired.de/collection/science/dieses-neuronale-netzwerk-verwandelt-filme-animierte-van-gogh-gemaelde

IBMs Watson schneidet den Trailer zu einem Horror-Film über KI:
https://www.wired.de/collection/tech/watson-schneidet-den-trailer-zu-einem-horror-film-ueber-ki

Fünf Fragen und Antworten zur gefeierten Foto-App Prisma:
http://www.gruenderszene.de/allgemein/foto-app-prisma-hintergruende

Google AI project writes poetry which could make a Vogon proud:
https://www.theguardian.com/technology/2016/may/17/googles-ai-write-poetry-stark-dramatic-vogons

Künstliche Intelligenz: Die kreative Ader der Maschinen:
https://iq.intel.de/kuenstliche-intelligenz-die-kreative-ader-der-maschinen/

​The Poem That Passed the Turing Test:
http://motherboard.vice.com/read/the-poem-that-passed-the-turing-test

 

Verfasst von Daniela Holzer

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